
Wie sind Sie zur ICC gekommen?
Internationales Konfliktmanagement war bereits während meines Studiums mein Steckenpferd. Ich habe anschließend noch einen Master-Studiengang Mediation an der Europa Universität Viadrina absolviert. Als die ICC eine Juristin für das deutsche Team im Sekretariat des Schiedsgerichtshof suchte, die auch Englisch und Französisch spricht, habe ich mich beworben, und zwei Jahre später in den Bereich alternative Streitbeilegungsverfahren gewechselt. Es war sehr hilfreich, erst den "großen Bruder" Schiedsgerichtsbarkeit kennenzulernen, bevor man die "kleine Schwester" vermarktet.
Wofür haben Sie den Preis genau erhalten?
In der Laudatio hieß es, dass der Preis für die Anstrengungen verliehen wurde, verschiedene Formen der Streitbelegung und insbesondere die Mediation, international noch bekannter zu machen. Insofern hätte natürlich eigentlich das ganze ADR-Team ausgezeichnet werden müssen.
Zudem hat die Jury auch mein außerberufliches Engagement hervorgehoben, insbesondere mein Engagement für die United World Colleges (UWC). Ich bin Mitglied im Stiftungsvorstand und der Auswahlkommission von UWC Deutschland. Die UWCs, ein Netzwerk internationaler Schulen, ermöglichen Jugendlichen aus aller Welt zwei Jahre zusammen zu leben und zu lernen - und das unabhängig von ihrer finanziellen Situation, da alle Schüler ein Stipendium erhalten. Neben einem internationalen Schulabschluss ist den UWCs vor allem das gesellschaftliche und soziale Engagement ihrer Schüler wichtig.
Es gibt heute dreizehn United World Colleges weltweit und ich habe mich insbesondere bei der Entstehung des UWC in Bosnien-Herzegowina engagiert, welches direkt an der ehemaligen Frontlinie in Mostar liegt. Das UWC dort ist bis heute der einzige Ort in Bosnien-Herzegowina, wo alle Bevölkerungsgruppen gemeinsam zur Schule gehen können.
Was war für Sie die größte Herausforderung, seit Sie 2009 die Leitung des ICC International Centre for ADR übernommen haben?
Andere Streitbeilegungsverfahren als Schiedsverfahren innerhalb einer traditionellen Schiedsgerichtsinstitution wie der ICC anzubieten, ist durchaus nicht immer einfach, da gerade bei den Schiedsrichtern oft noch viel Skepsis vorherrscht. Jedoch wurden wir von den Unternehmen selbst - also den Parteien in den ICC-Verfahren - immer sehr unterstützt. Sie haben ein großes Interesse an alternativen zeit- und kosteneffizienten Streitbeilegungsverfahren, die sie entweder separat nutzen oder mit einem Schiedsverfahren kombinieren können.
Unsere Aufgabe war und ist es daher, gerade im Schiedsverfahrensfeld sicherzustellen, dass alle Beteiligten die Besonderheiten der verschiedenen Streitbeilegungsverfahren verstanden haben und wissen, dass die ICC auch Mediations- oder Gutachterverfahren und die ICC Dispute Boards anbietet.
Was sind für Sie die Vorteile von ADR-Verfahren im Vergleich zur Schiedsgerichtsbarkeit?
Letztendlich ergänzen sich beide Verfahren in ihrer Unterschiedlichkeit ideal. Von daher geht es gar nicht so sehr um Vor- oder Nachteile, sondern vielmehr um die Frage, mit welchem spezifischen Verfahren ein konkreter Streitfall am effizientesten gelöst werden kann. Die Vorteile der Mediation sind dabei sicherlich zum einen die geringeren Kosten sowie die deutlich kürzere Verfahrensdauer. Bei der ICC dauern Mediationsverfahren im Durchschnitt von Eingang des Antrags bis zur Einigung nicht mehr als vier Monate. Außerdem ist das Verfahren mit durchschnittlichen Kosten um die 20.000 US-Dollar bei durchschnittlichen Streitwerten um die 30 bis 50 Millionen US-Dollar deutlich günstiger als Gerichts- oder Schiedsverfahren.
Der eigentliche Vorteil der Mediation liegt meiner Meinung aber darin, dass in diesem Verfahren die Parteien selbst eine interessenbasierte und zukunftsgerichtete Lösung entwickeln können, die aus ihrer Sicht sinnvoll ist. Und das Beste an der Mediation ist natürlich, dass sie funktioniert: In rund 80 Prozent der bei der ICC unter den ADR eingereichten Verfahren wird eine Einigung erzielt!
Wie wird sich der Bereich der gütlichen Streitbeilegung innerhalb der ICC zukünftig entwickeln?
Positiv natürlich (lacht). Die Anzahl der Nicht-Schiedsverfahrensfälle ist in den letzten Jahren stetig gewachsen und wir gehen davon aus, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird. Die Veranstaltungen, die die ICC besonders im Bereich Mediation organisiert sind sehr erfolgreich - und daher gehen wir optimistisch ins neue Jahr.
Anfang 2012 werden direkt zwei große Veranstaltungen hier in Paris stattfinden: Am 2. Februar 2012 die jährliche internationale ICC Mediationskonferenz, diesmal unter dem Titel "Make Mediation Happen!". Sie richtet sich insbesondere an Unternehmensjuristen und Manager und wird sich mit der Frage auseinandersetzen, wie Unternehmen sicherstellen können, dass Streitigkeiten effizient durch Mediation gelöst werden können.
Direkt im Anschluss wird der große jährliche ICC Mediationswettbewerb stattfinden - zum siebten Mal! Wir erwarten 66 Universitätsteams aus 34 Ländern und über 120 Mediatorinnen und Mediatoren von allen Kontinenten. Damit wird der Mediationswettbewerb nicht nur alle Rekorde brechen sondern auch weiterhin die größte Bildungsveranstaltung der ICC sein. Auch in 2012 unterstützen wieder viele Kanzleien diese beiden Veranstaltungen aber vor allem auch viele Unternehmen, zum Beispiel Siemens, Shell, Thales, Vinci und andere. Das freut mich natürlich besonders, weil es zeigt, dass die eigentlichen Akteure, die Unternehmen, die Mediation wollen und fördern.